Gastbeitrag Ergotherapeutische Praxis Angelika Oetken, Berlin

Pädophile Priester in Senioreneinrichtungen versetzen –

eine gute Lösung für ein großes Problem?

 

In diversen Veröffentlichungen und Stellungnahmen wurde von Seiten katholischer

Verantwortlicher versichert, dass so genannte „pädophile“ Priester aus der üblichen Gemeindearbeit herausgenommen und in Senioreneinrichtungen versetzt worden seien.

Dies soll wohl gegenüber der Öffentlichkeit suggerieren, damit habe man von kirchlicher Seite aus das Problem gelöst.

 

 Ich bin Ergotherapeutin und arbeite seit über 20 Jahren u.a. mit Senioren. Zudem bin ich von meiner Großmutter (Jahrgang 1903) aufgezogen worden. Alte Menschen, ihre Lebensgeschichten, ihre Mentalitäten, ihre Bedürfnisse und Probleme sind mir vertraut.

Was sich auf den ersten Blick nach einer gut durchdachten, logischen Lösung anhört („Pädophile von Kindern fernhalten, indem man sie in Senioreneinrichtungen versetzt“) mutiert beim zweiten Blick zu etwas Fragwürdigem, beim dritten und noch genaueren Hinsehen erscheint eine Fahrlässigkeit im Umgang mit anderen, bedürftigen und oftmals hilflosen Menschen, die ihres Gleichen sucht.

 

Ich möchte Sie einladen, mich im Folgenden auf meiner kleinen Betrachtung zu begleiten.

Der erste Blick:

Um wen geht es überhaupt?

Die Bewohner von Senioreneinrichtungen!

Ich möchte an dieser Stelle den Tätern nicht die sonst übliche unangemessen starke Aufmerksamkeit schenken und verweise statt dessen auf diese großartige Ausarbeitung von Herrn Hans-Hagen Haase zum Thema „Pädophilie“: http://content.karger.com/ProdukteDB

 

Dazu nur kurz: Herr Haase sieht wie viele seiner KollegInnen echte „Pädophilie“ als eine schwere Persönlichkeitsstörung an, die ähnlich schwierig zu behandeln ist wie eine starke Suchterkrankung. Und zwar, weil es dem Kranken meist an der dafür nötigen Einsicht und Motivation fehlt. Das bringt diese Erkrankung mit sich.

Senioreneinrichtungen sind Orte, an denen für gewöhnlich alte Menschen leben. Das Durchschnittsalter beträgt meist 75 Jahre und mehr.

So gesehen, könnte man sagen. „Was soll denn ein Pädophiler da groß an Schaden anrichten…“.

Deshalb…..

Der zweite Blick:

 

Der Grund für den Aufenthalt in einer Senioreneinrichtung ist nicht das Alter allein, sondern die Pflegebedürftigkeit bzw. der Wunsch nach Hilfe, Sicherheit und Unterstützung in erreichbarer Nähe. Es gibt dort durchaus auch wesentlich jüngere Bewohner, mitunter sogar 20jährige.

 

Es handelt sich um Menschen, die in diesen Einrichtungen Unterschlupf gefunden haben, weil sie behindert oder chronisch krank sind, keinen anderen Platz gefunden haben oder zusammen mit ihren alt- und pflegebedürftig gewordenen Angehörigen dorthin ziehen.

Dies ist häufiger der Fall als gemeinhin angenommen. Fast jede Senioreneinrichtung hat etwa 5 Prozent solch „junger“ Bewohner, d.h. Menschen unter 50 Jahren.

Zudem haben auch ältere Heimbewohner Familie bzw. Kontakt zu Jüngeren. Selbstverständlich kommen auch Kinder zu Besuch in diese Einrichtungen.

 

Die Zahl der Menschen, die dort leben und unter vielfältigen Krankheiten und Gebrechen leiden ist hoch. Die Forschung gibt Hinweise auf Risikofaktoren für Pflegebedürftigkeit. Demnach gehören besonders psychiatrische und/oder Herz-Kreislauferkrankungen zu den abhängig machenden Faktoren.

 Derzeit findet in den Einrichtungen gerade ein Generationenwechsel statt. Die Jahrgänge, die im zweiten Weltkrieg schon erwachsen waren, machen denen Platz, die im Krieg oder kurz danach aufgewachsen sind.

 

Diese Menschen haben eine Zeit tiefster Verwerfungen erlebt. Sie wuchsen zumeist in einem Milieu auf, das durch Härte, Aggression, Unsicherheit, Gewalt, Misshandlung, Entbehrungen, Krankheit, Armut, Verluste und Übergriffe geprägt war.

 

Sexuelle Gewalt und Missbrauch war genauso verbreitet wie heute, aber die Kinder und Jugendlichem ihm noch schutz- und rechtloser ausgeliefert als das derzeit der Fall ist.

 

Gleichzeitig war die deutsche Gesellschaft mit dem Verdrängen der faschistischen Vergangenheit und der Kriegserlebnisse und der Orientierung auf Ökonomie beschäftigt. Statt psychosozialer Hilfen gab es damals für diese Kinder Vorbilder, die darauf setzten, Erlebnisse zu leugnen und Wegzudrücken und Trost in materiellen Dingen und Arbeitssucht zu suchen.

 

Im Klima allgemeiner Vertuschung und Abwehr war die Gelegenheit zu Reflektion oder einfach nur zum „darüber Sprechen“ nicht da. Wer psychisch krank wurde, geriet in die Fänge der Psychiatrie, in der die Spuren der nationalsozialistischen Medizin und Vernichtungsideologie bis in die 90er Jahre noch nicht aufgearbeitet und beseitigt waren.

Kurzum: diese Menschen erlebten in den psychiatrischen Einrichtungen Retraumatisierungen und vielfach Folter.

Die meisten „somatisierten“ deshalb wie das in der Fachsprache hieß, um nicht ausgegrenzt zu werden. D.h. sie entwickelten körperliche Krankheiten und Symptome mit psychiatrischem Hintergrund.

Deshalb haben wir derzeit einen regelrechten „Boom“ an gerontopsychiatrisch Erkrankten, suchtkranken Senioren und Menschen, die unter larvierten (verdeckten) Depressionen leiden und schon lange Zeit gesundheitsgefährdendes Verhalten betreiben. Diese Menschen werden häufiger pflegebedürftig als Menschen, die nicht traumatisiert wurden oder die Gelegenheit hatten, Erlittenes zu bewältigen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Posttraumatische_Belastung

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch

http://www.traumatherapie-ruhr.de/kriegstraumata.htm

http://www.emma.de/ressorts/artikel/vergewaltigung-im-krieg/das-vererbte-trauma/

http://www.unabhaengig-im-alter.de/

Fazit: In Senioreneinrichtungen treffen Pädophile nicht nur auf ältere Menschen, sondern auch auf ziemlich junge und sie kommen mit zahlreichen Betroffenen von sexualisierten Übergriffen in der Kindheit in Kontakt, die keine Gelegenheit hatten, das Erlebte zu verarbeiten. Manche, die z.B. an gerontopsychiatrischen Erkrankungen wie „Demenz“ leiden, durchleben die Übergriffe in der Kindheit in ihrer Vorstellung immer wieder und wieder. Schutz- und wehrlos.

 

Ist das den Verantwortlichen in der römisch-katholischen Kirche, in den entsprechenden Bistümern etwa nicht bewusst?!?!?

Nötig ist…

Der dritte Blick:

 

Die römisch-katholische Kirche Deutschlands ist Trägerin bzw. Schirmherrin vieler karitativ-sozialer Einrichtungen. Der Markt der Senioreneinrichtungen und Altenhilfe wächst dabei beständig. Die RKK profitiert dabei von ihrer langen Positionierung am Markt und ihrer guten politischen Vernetzung.

 

Katholische Ausbildungsstätten für medizinisch-pflegerisches und pädagogisches Personal haben ebenfalls eine lange Tradition.

 

Ich greife mal ein Beispiel heraus, stellvertretend für viele solcher Lehrveranstaltungen:

 

Die Katholische Fachhochschule Mainz bietet eine spezielle Weiterbildung zum Thema „Umgang mit Traumatisierten“ an http://www.kfh-mainz.de/ifw/2012/B12_L3.htm

 

„Trauma“ ist ein Thema im Sozialwesen und zwar ein so Wesentliches, dass an katholischen Hochschulen dazu Fortbildungen angeboten werden.

 

Zudem gibt es etliche Krankenhäuser, auch solche mit psychiatrischen bzw. gerontopsychiatrischen Abteilungen, unter katholischer Trägerschaft.

 

Ein paar Beispiele:

 http://www.kkel.de/st-antonius-krankenhaus/

 http://www.katholisches-klinikum.de/kliniken-institute/gerontopsychiatrische-klinik-tagesklinik

 

Die Alexianer, ein katholischer Träger

http://www.alexianer.de/home/alexianer_gmbh/geschichte/

 hat z.B. allein sieben Standorte in Deutschland, die sich gleichzeitig der Psychiatrie und Altenhilfe widmen.

Fazit:

 

Ein zur Einsicht kaum fähiger, schwer persönlichkeitsgestörter, zu sexualisierten Übergriffen auf Kinder neigender Priester wird an einer Arbeitsstelle eingesetzt, an der er auf Menschen trifft, die in Folge von eben diesen Übergriffen in ihrer Kindheit zum Teil sehr schwer krank geworden sind.

 

Diese Menschen werden im Kontakt zu solch einem Priester der ständigen Gefahr der Retraumatisierung ausgesetzt.

 

Über ihr besonderes Bedürfnis nach Sicherheit setzt man sich dabei einfach hinweg.

 

Falls die Leitungen der entsprechenden Einrichtungen überhaupt von der Vorgeschichte dieser Priester in Kenntnis gesetzt werden, müssen sie nicht nur mit diesem Wissen leben, sondern sich fortan auch Sorgen um die Sicherheit der jüngeren Bewohner und ihrer kleinen Besucher machen.

 

Versetzen Sie sich mal kurz in die Lage eines Seniorenheimbewohners, der selbst in der Jugend sexualisiert misshandelt wurde, unter den Folgen sehr gelitten hat und immer noch leidet, der regelmäßig Besuch von seinen Enkeln bekommt und nun feststellen muss, dass der „neue“ Priester der Einrichtung zu sexualisierten Übergriffen neigt.

 

„Opfer“ merken, wenn sie mit „Tätern“ in Kontakt kommen. Auch wenn sie geistig vielleicht nicht mehr so präsent sind, ihre Emotionen und ihr Alarmsystem werden bis zuletzt funktionieren. Das hat ihnen ihr Leben lang das Überleben trotz der Traumatisierung ermöglicht.

 Dieser re-traumatisierte alte Mensch wird sich sicherlich fortan große Sorgen um seine Enkel machen oder in Panik verfallen.

 Er verfügt nämlich über etwas, was den Verantwortlichen in den Bistümern offenbar abhanden gekommen ist:

 

Einfühlungsvermögen und Verantwortungsgefühl gegenüber Schwächeren.

 

Angelika Oetken, Ergotherapeutin, Betroffene sexualisierter Misshandlung in der Kindheit, Berlin-Köpenick

 

info@ergo-oetken.de