Gastbeiträge von MissBiT, Trier

11.01.2011: Eine Betroffene berichtet aus ihrer Perspektive vom Treffen mit Bischof Ackermann. Ein Beispiel für den langen Weg an die Öffentlichkeit:

 

Meine Sicht der Dinge - Teil 1 11.01.2012

„Gibt es irgendjemanden, der bisher schon Schwierigkeiten gemacht hat?“ – mit diesen Worten betrat Bischof Ackermann zügig und bestimmten Schrittes mit fünf Begleitern im Gefolge die Cafeteria im Bischöflichen Generalvikariat, in dem er gestern alle Interessierten, insbesondere die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bistums zu einem konstruktiven Meinungsaustausch eingeladen hat. Ich war auch interessiert. Ich hatte meine Gründe. Nachdem sich über 200 Interessierte in der Cafeteria einfanden, wurde wenige Minuten vor der offiziellen Begrüßungsrede darauf hingewiesen, dass die 1. Reihe der Sitzplätze noch frei sein. Man möge doch bitte die Chance nutzen und dort Platz nehmen. Also nahm ich Platz. In der ersten Reihe. Unmittelbar gegenüber von Bischof Dr. Ackermann und seinem Generalvikar, Prälat Dr. Holkenbrink. Knapp 2 m Abstand. Auge in Auge. Ich fühlte mich dazu bereit: sowohl aus- als auch durchzuhalten. Kurz bevor Bischof Dr. Ackermann seinen Platz einnahm, fiel sein Blick auf mich. Er kam auf mich zu und reichte mir die Hand. „Ah, Frau A?!“. „Ja, Frau A.“ Immerhin – er konnte sich an mich erinnern. So viele Leute wird es wohl auch nicht gegeben haben, die ihn beim Überqueren auf dem Trier Markt nachrannten, ansprachen und sagten: „Herr Bischof, ich denke, wir müssen reden!“. Terminabsprache mal anders. Aber so scheine ich eben zu sein. Herr Bischof Ackermann begrüßte die Anwesenden: „Dies heute ist ein Wagnis. Es ist ein Experiment. Ein Forum aus ganz verschiedenen Gruppen, Fachleuten und Interessierten.“ Die Pressevertreter hätten lediglich einen Beobachterstatus, sie sei en lediglich hörend, aber es seien keine Fragen von der Presse zugelassen. Was hier und heute geschehe, sei im Grunde öffentlich und kein vertraulicher Raum. Für Nachfragen seitens der Interessierten sei er dankbar. Bischof Dr. Ackermann übergab das Mikrofon anschließend an die Pastoralreferentin. Es erfolgt eine kurze Anmoderation, die die Spielregeln für den Meinungsaustausch genau definierte. Die Pastoralrefentin schien überrascht über die große Zahl der Interessierten. Sie wies auf einem fairen Umgang miteinander hin – bei aller Emotionalität und bei all den verschiedenen Gefühlslagen. Weder Bild- noch Tonaufnahmen seien erlaubt. Die anwesende Presse dürfe keine Fragen stellen. Sie stellte noch einmal klar, dass die Themen, um die es heute ausschließlich ginge, die folgenden seien: Aufarbeitung von Fällen sexueller Gewalt, angemessener Umgang mit den Opfern und mit den betroffenen Gemeinden und schließlich um die Kultur der Achtsamkeit. Es ginge auf keinen Fall um „neue“ Fälle. Personen, die Wissen über weitere Opfer bzw. Täter hätten und dies mitteilen wollten, sollten sich bitte an Herrn Rütten bzw. Frau Lauer wenden. Ende der Anmoderation. Nach wenigen Augenblicken gab es etliche Handzeichen. Es folgten Fragen von Heiner B.  (Saarbrücker Gruppe) , Anette F. (Gemeindereferentin in Saarbrücken-Burbach von 1990 – 1994), Inge W. (Lehrerin am Willi-Graf-Gymnasium in Saarbrücken), Ursula K. ( Caritas Klinik Saarbrücken), Felicitas L. (Dipl.-Psychologin, Psychotherapeutin, Lebensberatungsstelle Saarbrücken). Die Betroffenheit über den Inhalt der wenigen Fragen, die gestellt werden können und müssen, ist groß. Sie ist in der Luft spürbar. Die Erwartungshaltung ist enorm. Die Anspannung groß. Einem Fragesteller war es offensichtlich unangenehm, dass die Moderatorin ihm das Mikrofon nicht selbst überließ, sondern es ihm ganz nah vor den Mund hielt. Selbst nachdem er sich darüber öffentlich empörte und kundtat, wie unangemessen er das Verhalten der Moderatorin findet, ließ sie es nicht zu, dass er das Mikro selbst halten durfte. Der Fragesteller spricht von „zwingen“ und „an den Mund halten“. In dem Moment geschieht es: Ich werde getriggert, ohne es bewusst wahrzunehmen. Ich denke nur noch: Kirche….oral….gezwungen… Tränen rollen über meine Wangen. Ich beginne zu zittern. Dann nehme ich eine Hand auf meiner Schulter wahr. Ich nehme eine Frau wahr, die sich kurz vorstellt und mir anbietet, mich hinauszubegleiten, sie würde sehen, dass es mir nicht gut ginge. Ich atme kurz durch, bin dankbar über das Angebot, aber antworte: „Ich danke Ihnen, aber ich bekomme das schon hin…ich schaffe das. Dennoch danke Ihnen für Ihr Angebot….“. Ich versuche, mich weiterhin auf die Aussagen zu konzentrieren und weiter zu protokollieren. Herr Holkenbrink sagt, er habe versucht, den Umgang mit den Informationen, die es in Burbach gab , laut eigener Aussage „minutiös“ zu rekonstruieren. Dies sei ihm allerdings nicht gelungen, denn „es wurden Dinge nicht beachtet, die auch in den Blick genommen hätten werden müssen.“ Plötzlich breche ich in Tränen aus. Unfähig zu weiter zu schreiben: Nicht nur meine Hände zittern, sondern mein ganzes Ich. Zumindest das, was davon übrigblieb, nachdem meine Seele zerstört wurde. Noch einmal spüre ich die Hand auf meiner Schulter. Ich bin dankbar. Ohne zu zögern packe ich meine Sachen und werde hinausbegleitet. Marita K., Dipl. –Sozialpädagogin, Ehe-, Familien- und Lebensberaterin sowie Supervisorin, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin fängt mich auf. Es gelingt ihr, mich zu stabilisieren. Das war also mein Versuch, an der Gesprächsrunde teilzunehmen. Immerhin habe ich es über 30 Minuten geschafft, durch- und auszuhalten. Dies stellt für mich persönlich einen neuen Rekord da. Beim ersten Treffen der Opfer im Jahr 2010 kam ich nur bis zur Tür und bekam einen Nervenzusammenbruch. Immerhin. Ich denke, meiner Seele tat es gut. Ich konnte weinen. Ein wenig Trauer über das Geschehen, als ich 3 Jahre alt war, durfte heraus. Aber ich spüre, da sitzt noch ganz viel in mir drin. Aber auch das gelingt mir noch.

 

Claudia A. / MissBiT, Trier